Department of Music

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Musik jenseits der Grenze der Sprache
Freiburg, June 2001


 Symposion

 Prof. Dr. Christian Berger 

 Musik jenseits der Grenze der Sprache

 Universität Freiburg, Musikwissenschaftliches Seminar

 28.-30. Juni 2001


Vorläufige Programmübersicht:
 
Donnerstag, 28. Juni 2001

15.00 Uhr	Begrüßung
                 
		 Prof. Dr. Gretel Schwörer-Kohl, Halle: Musik als
                 Kommunikationsform mit dem Jenseits am Beispiel von
                 Mundorgelkompositionen der Hmong in Nordthailand

		Alterität: Musik und Sprache vor 1600

16.30-19.00 Uhr

                 Prof. Dr. Max Haas, Basel: Musik und formale Grammatik
                 Dr. Silvia Wälli, Freiburg: Natürliche Erkenntnis und
		  musikalische Interpretation: ein Beitrag zum Verständnis des
		  versus "Alto consilio" 
                 Prof. Dr. Philippe Vendrix, Tours: Musique et mathématique
                 pendant la Renaissance 


Freitag, 29. Juni 2001

            Ausgangspunkte: Überlegungen der Philosophie und der Literatur- und
            Sprachwissenschaften

9.00-12.30 Uhr
                 Prof. Dr. Adolf Nowak, Frankfurt: Musikalische Logik 
                 Dr. Simone Mahrenholz, Berlin: Das Verhältnis von Analogie und
                 Analogik in der Musik 
                 Sabine Bayerl: Musikalische Sprachkonzepte jenseits der Grenzen
                 der Sprache 

            Musik und Sprache im 18. und 19. Jahrhundert

15.00-18.00 Uhr

                 Dr. Berthold Hoeckner, University of Chicago: N. N. 
                 Prof. Dr. Günther Schnitzler, Freiburg: Hölderlin und Brahms'
                  "Schicksalslied" 
                 Christopher Wintle, London: N.N. 
                 Dr. Oliver Huck, Florenz: Musik und Sprache in und zu Richard
                  Wagners "Tristan und Isolde" 


Samstag, 30. Juni 2001

            Ausgangspunkte II

9.00-11.00 Uhr
                 Prof. Dr. Wilfried Gruhn, Freiburg: Musik-Analyse ohne Sprache 
                 Dr. Sabine Sanio, Berlin: Verschriftlichung jenseits der Sprache.
                  Neue musikalische Interpretationsmodelle in der Musik des 20.
                  Jahrhunderts 
                 PD Dr. Peter Niklas Wilson, Hamburg: Sprechen über Improvisation 


11.00 Uhr   Schlussdiskussion


 Zum Konzept: Musik jenseits der Grenze der Sprache

Die Musikwissenschaft ist als Wissenschaft angewiesen auf die sprachliche
Darstellungsform, um sich überhaupt artikulieren und mitteilen zu können.
Andererseits hat sie es mit einem Medium zu tun, das selbst eine Form der
Mitteilung darstellt, die sich in wesentlichen Aspekten des Zugriffs durch die
Sprache entzieht. Bislang hat sich die Musikwissenschaft allerdings meist den
verwandtschaftlichen Beziehungen zur Sprache zugewandt und sich ihrer als eines
Hilfsmittel bedient, um auf diese Weise dem Phänomen Musik näher kommen zu können.
Damit meinte sie, in einer langen Tradition zu stehen, die sich bis auf Calcidius'
Timaios-Kommentar zurückverfolgen lasse. Neuere Untersuchungen zu den Textsorten
der Musiktheorie haben allerdings deutlich gemacht, dass in solche Stellen allzu
oft neuzeitliches Gedankengut hineininterpretiert wurde. Insbesondere ergibt sich
für das Mittelalter eine ganz andere Perspektive, wenn man zur Kenntnis nimmt,
dass die Aufgabe der Musiklehre vor allem darin bestand, Abstrakta einzuüben,
gleichsam eine komplexe Zahlentheorie sinnenhaft vorzuführen. Vor diesem
Hintergrund wird dann auch deutlich, wie vorsichtig die spätantiken Autoren das
Analogieverhältnis von Musik und Sprache formulieren, geht es doch bei Calcidius
zunächst nur um die Suche nach dem Elementaren, dem Grundelement der Musik, das
diese Kommunikationsform ebenso wie die Sprache selbst in irgend einer Form
ebenfalls besitzen muss. Lassen sich so aus ältester Zeit Wandlungen des Bildes
belegen, so trägt von einer ganz anderen Seite die neueste Hirnforschung zu einem
weit differenzierteren Bild der Wirkung von Musik bei, das etwa über eine eigene
Logik verfügt, die mit sprachlichen Mitteln kaum adäquat nachgezeichnet werden
kann. Hinzu kommen Entwicklungen der Informationstechnologie, die auch unser Fach
nicht unberührt lassen kann.

Aber nicht nur im Mittelalter, auch in der Renaissance und in der Zeit der Wende
vom 18. zum 19. Jahrhundert lassen sich solche Analogiebildungen zur Sprache
verfolgen. Suchte der Lateinschullehrer Burmeister um 1600 seine Zuflucht bei der
Rhetorik, um so eindringliche wie unbegreifliche Phänomene im zeitgenössischen
Tonsatz sprachlich erfassen zu können, geriet dieser Notbehelf einer Figurenlehre
im 18. und dann auch wieder im 20. Jahrhundert zu einem probaten Mittel, um
scheinbar sicher nachvollziehbar den Intentionen eines Komponisten mit einer
"Explicatio textus" auf die Spur zu kommen. Und zu Beginn des 19. Jahrhunderts
standen sich affektorientierte Nachahmungsästhetiker und romantische Ideale später
"absolut" genannter Musik scheinbar unvermittelbar gegenüber, zwischen denen
allein eine an den Mitteln der Rhetorik orientierte Formenlehre zu vermitteln
suchte. Dabei ging es auch hier darum, mit sprachlich gebundenen Mitteln Analogien
aufzuzeigen, die letztlich doch wieder musikalische Zusammenhänge aufdecken
sollten. Häufig jedoch verselbständigte sich wie bei manchen Verfechtern einer
Programmmusik das sprachliche Mittel gegenüber den musikalischen Sachverhalten.
Denn trotz aller Hilfsmittel, einen Zugang zu suchen, bleibt das musikalische
Kunstwerk in seinem eigenen Ansatz ungreifbar. Nicht zufällig hat denn auch zu
jener Zeit Immanuel Kant die Grenzen aufgezeigt, die sich schon aus der Definition
eines Kunstwerkes als eines Ereignisses ergeben, das eben nicht auf den Begriff
gebracht zu werden vermag. Aus dieser Schwierigkeit heraus wurden im Rahmen der
Romantischen Schule unterschiedliche Entwürfe entwickelt (E. T. A. Hoffmann,
Weber, später auch und vor allem Wagner), um dennoch der Substanz des
musikalischen Kunstwerkes nachzuspüren, ohne diese Grenze zu verletzen.

Immer aber sind es grundlegende musikalische Sachverhalte, auf die mit Hilfe
solcher Analogien gezielt wird. Und es ist die Aufgabe der Musikwissenschaft, die
Historizität solcher Zugangsweisen bewusst zu machen, um dann auch zu versuchen,
andere Mittel auszuprobieren, um den Informationen, die gerade unter "Umgehung von
Sprache" vermittelt werden, nachzuspüren. Die Beiträge und Gespräche dieser Tagung
sollen dazu beitragen, solche Ergebnisse zu bündeln und darüber hinaus zu
versuchen, Wege über die Grenzen der Sprache hinaus zu eruieren. Denn gerade der
Musikwissenschaftler leidet darunter, daß die Grenzen seiner Sprache immer auch
die Grenzen seiner Welt zu sein scheinen, Grenzen, die von der Musik
notwendigerweise überschritten werden. Neben grundsätzlichen Überlegungen zum
Thema sind deshalb auch Versuche willkommen, die an einzelnen Werken solche
Verfahren am Detail zu erproben suchen. So hoffe ich, eine ausgewogene Mischung
der vielfältigen Beiträge gewinnen zu können, die ein in jeder Hinsicht offenes
Gespräch zu ermöglichen vermag.