Students at Royal Holloway,
University of London Royal Holloway,
University of London
 
Conferences index | Past conferences, 2007 | Golden Pages index | Music Department Home Page

Die Regeln des musikalischen Satzes "ihrem Wesen nach" und "ihrem Gebrauch nach" (Mattheson): Musikalische Norm um 1700
Internationale und interdisziplinäre Tagung

Frankfurt am Main, 26.02.2007-28.02.2007


Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main;
Musikwissenschaftliches Institut in Zusammenarbeit mit dem Zentrum zur
Erforschung der Frühen Neuzeit
Organisation und wissenschaftliche Leitung: PD Dr. Rainer Bayreuther,
Vertr. Prof. für Historische Musikwissenschaft, Frankfurt am Main
26.02.2007-28.02.2007, Zentrum zur Erforschung der Frühen Neuzeit
(Campus Westend, Raum 1.414)

In der Zeit um 1700 zeichnet sich in Deutschland eine paradigmatisch neue
Struktur der Geltung musikalisch-satztechnischer Normen ab. Selbst
elementare Regeln des musikalischen Satzes gelten nicht mehr absolut.
Johann David Heinichen (Gründliche Anweisung des General-Basses, Hamburg
1711) macht die Geltung von Regeln von ihrer faktischen Affektwirkung
abhängig, Johann Mattheson (Neu-eröffnetes Orchestre, Hamburg 1713) von
dem je aktuellen musikalischen Geschmack. Beide bezeichnen dieses
Regelverständnis als "galant", beide distanzieren sich ebenso strikt wie
polemisch von einer starren, auf Intervallarithmetik beruhenden und mit
der Absolutheit eines physikalischen Gesetzes geltenden Regularität des
musikalischen Satzes. Statt dessen propagieren sie ein Verständnis
musikalischer Norm, das eine Praxis-, Publikums-, Laien- und
Gesellschaftsorientierung konstitutiv einbezieht. Mattheson trennt
zwischen der Darstellung der Elemente des musikalischen Satzes "ihrem
Wesen nach" (d.h. ihrer von der Praxis isolierten quasi-mathematischen,
unveränderlichen Natur) und "ihrem Gebrauch nach" - und die Normen der
Praxis lassen sich offenkundig aus dem "Wesen" nicht deduzieren. Das ist
faktisch ein Generalangriff auf jegliche Musiktheorie älteren Stils und
der Versuch einer normativen Neubegründung des musikalischen Satzes.

Heinichens und Matthesons Vorstöße sind Teil eines umfassenden Diskurses
über den Status von rechtlichen, religiösen, gesellschaftlichen und
ästhetischen Normen um 1700. Kristallisationspunkt in Deutschland ist
Christian Thomasius' Erweiterung der aus dem Naturrecht gewonnenen
justiziablen Bereiche um den des Decorums. Im Decorum ist
gesellschaftliches Verhalten zwar verbindlich, aber nicht absolut und
insbesondere nicht juristisch sanktionsfähig geregelt. Als deutsche
Übersetzung für Decorum schlägt Thomasius selbst "galant" vor.
Decorum/galant bezeichnet seit Thomasius einen Bereich des Handelns, der
sehr wohl normativ zu erfassen ist, aber eine andere Struktur von
Normativität ausprägt als die übrigen justiziablen Bereiche. Auf diese
normative Qualität von "galant" beziehen sich Heinichen und Mattheson
ausdrücklich.

Musikalisch relevante Merkmale dieses Normbereichs sind:

1. Urteilsinstanz: Nicht positives Recht, sondern subjekt- und
gesellschaftsbasierte Instanzen wie Lebenserfahrung, Esprit, goût, Mode
und common sense sind decoral legitime Urteilsinstanzen.

2. Geltungsstruktur: Decorale Urteile beanspruchen eine spezifische Art
von Verbindlichkeit, die nicht sanktionsfähig und nicht in positives Recht
deduzierbar ist.

3. Erfüllung: Decorale Norm wird erfüllt, indem man spontan und mit Esprit
handelt, die Mode als Indikator des Decorum beachtet und gesellschaftlich
approbierte Vorbilder nachahmt.

Ziel der Tagung ist, Komponieren und Normsetzung des Komponierens in
Deutschland um 1700 in diesem Diskurs zu verorten. Dabei sollen neue
Perspektiven für das Verständnis des musikalischen Stilwandels um 1700
gewonnen werden, für den in der Musikforschung bislang ein Zugang fehlt,
der in der Lage wäre, die Fülle an innovativen stilistischen Tendenzen in
der Oper, der protestantischen Kirchenmusik und dem geistlichen wie
weltlichen Lied zu bündeln. Zur Diskussion gestellt werden soll, ob die
Kategorie der Norm diesen Zugang ermöglicht und ob konkret die
Normstruktur des Decorum/Galanten ein Erklärungsmodell für den neuen
musikalischen Stil um 1700 sein kann.


Tagungsprogramm: Montag, 26.2.2007 13.30-14 Uhr: Eröffnung der Tagung PD Dr. Rainer Bayreuther, Vertr.Prof. für Historische Musikwissenschaft der Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt a.M. PD Dr. Linda Maria Koldau, Vertr.Prof.in und Abteilungsleiterin des Musikwissenschaftlichen Instituts der Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt a.M. 1. Instanzen des musikalischen Urteilens 14-15 Uhr PD Dr. Rainer Bayreuther (Musikwissenschaftliches Institut Univ. Frankfurt a.M.): Einführungsreferat: Perspektiven des Normbegriffs für die Erforschung der Musik um 1700 15-16 Uhr Prof. Dr. Joachim Kremer (Musikwissenschaftliches Institut Musikhochschule Stuttgart) "Regel" vs. "Geschmack". Die Kritik am Regelbegriff und ihre musikästhetischen sowie musikalischen Folgen zwischen 1720 und 1752 Kaffeepause 16-16.30 Uhr 16.30-17.30 Nachbardisziplin: PD Dr. Milo^Ú Vec (MPI für Rechtsgeschichte Frankfurt a.M.) Die normative Struktur des Decorum. Über den Einbruch der Mode in den Naturrechtsdiskurs der Aufklärung 17.30-18.30 Uhr Prof. Dr. Rainer Kleinertz (Musikwissenschaftliches Institut Univ. Saarland): Prinzipien des musikalischen Urteils in Matthesons Critica musica (1725) Dienstag, 27.2.2007 2. Struktur der Geltung musikalischer Norm 9-10 Uhr Nachbardisziplin: PD Dr. Alexander Aichele (Philosophisches Institut Univ. Halle/S.): Galante Geltung. Normengebrauch und Regelfolgen bei Christian Thomasius 10-11 Uhr Prof. Dr. Helmut Well (Musikwissenschaftliches Institut Hochschule für Musik Weimar/Univ. Jena): Heinichens Generalbasslehre (1728): Funktionsbeschreibungen "dem Wesen nach"? 11-11.30 Uhr Kaffeepause 11.30-12.30 Uhr Prof. Dr. Thomas Christensen (Univ. of Chicago): Rules, License and Taste in French Music Theory 12.30-13.30 Uhr Prof. Dr. Sebastian Klotz (Musikwissenschaftliches Institut der Univ. Leipzig): Zur englischen Kontrapunkt- und Modulationstheorie um 1700 (Malcolm, Geminiani) 13.30-15 Uhr Mittagspause 3. Modi der Erfüllung musikalischer Norm 15-16 Uhr Nachbardisziplin: Prof. Dr. Friedrich Vollhardt (Germanistisches Institut, Univ. München): Referat zu Eklektik und Nachahmung in den Cautelen der Rechtsgelahrtheit (1713) von Christian Thomasius (Titel steht noch nicht fest) 16-17 Uhr Prof. Dr. Wolfgang Hirschmann (Musikwissenschaftliches Institut Univ. Halle/S.): Matthesons Selbstbekenntnis als "Musicus eclecticus" und die Transformation des Nachahmungsgedankens um 1700 17-18 Uhr Prof. Dr. Adolf Nowak (Univ. Frankfurt a.M.): Ästhetische Kriterien in der Musiktheorie des frühen 18. Jahrhunderts Mittwoch, 28.2.2007 9-10 Uhr Dr. Ute Poetzsch-Seban (Telemann-Zentrum Magdeburg) Das Erwecken von "allerhand Regungen" in Telemanns Kirchenmusik und die Fuge 10-11 Uhr Dr. Michael Maul (Bach-Archiv Leipzig): Die "galante" Vorrede von Heinichens Generalbaß-Lehre (1711) im Licht seiner frühen Leipziger Opern 11-11.30 Uhr Kaffeepause 11.30-12.30 Uhr Dr. Saskia Woyke (Hochschule Weimar/Univ. Jena/Univ. Bayreuth): Varietas - Irregularità - Artifizialität: Unausgesprochene Norm in venezianischen Opern der 1660er und 1670er Jahre? 12.30-13 Uhr Abschlussdiskussion
Back to top of page
 
 
 
Last updated Tue, 28-Mar-2006 13:33 GMT / GAC
Royal Holloway, University of London, Egham, Surrey TW20 0EX
Tel/Fax : +44 (0)1784 434455/437520