Back to index
Abel, Jürg Michael

Die Entstehung der sinfonischen Musik in Rußland

Ph.D. Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt/Main, 1996
(erschienen im Verlag Ernst Kuhn, Berlin 1996, ISBN 3-928864-41-6)
(Ernst-Kuhn-Verlag@t-online.de)

Eine Darstellung der Entwicklung der Orchestermusik in Rußland von den Anfängen während der Barockzeit bis zu den ersten Sinfonien von Rimski-Korsakow, Balakirew und Borodin. Mit biografischen Notizen zu den Komponisten, Auflistung und Analyse der wichtigsten Werke und Skizzen zur Rezeptionsgeschichte und der kulturellen Entwicklung in Rußland bis in die 1870er Jahre.

Ausgangspunkt ist die Entstehung einer eigenständigen russischen Kunstmusik vor dem Hintergrund der italienischen Oper am Zarenhof. Neben westeuropäischen Komponisten wie dall'Oglio, Veichtner oder Titz, die Sinfonien mit russischen Kolorit schrieben, sind es in der klassischen Epoche junge Russen, die neben Oper und Romanze die Instrumentalmusik pflegten, so Beresowski, Bortnjanski, Chandoschkin oder Aljabjew. Ihre meist einsätzigen Ouvertüren, Sinfonien, Instrumentalkonzerte oder Kammermusikwerke entwickeln sich auf dem Boden des italienischen Opernorchesters, zeigen aber nach und nach Züge eines wachsenden Nationalbewußtseins.

Mit den ersten Orchesterwerken Glinkas tritt die Orchestermusik aus dem Schatten der Oper heraus, zeigt jedoch starke Gestaltungsschwierigkeiten auf, wenn es um die Architektur der im Westen geläufigen Großformen wie Sonate oder Sinfonie geht. Da der konstruktive intellektuelle Stil den aus dem Wesen der Volksmusik herkommenden, zumeist autodidaktisch komponierenden jungen russischen Künstlern fremd blieb, beschäftigten sie sich verstärkt mit potpurri-ähnlichen Satzformen, Fantasien, Scherzi und Ouvertüren. Eine Ausnahme bildete Anton Rubinstein, der wohl aus seiner fundierten Kenntnis der westlichen Traditionen schöpfen konnte und dessen erste drei Sinfonien noch vor der Orchestermusik Glinkas erschienen, dem es jedoch an schöpferischer Kraft mangelte, Kompositionen von bleibendem Wert zu schaffen.

Mit dem Zusammenschluß des "Mächtigen Häufleins", der Komponisten um Balakirew, kam die nationalrussische Komponente ins Spiel, indem sie sich explizite von aller leeren Melodiesüchtigkeit, von der schulmäßigen Kontrapunktik und der unflexiblen Sonatenform verabschiedeten, um eine aus dem Geist der Volksliedmelodien geborene Rhythmik, Harmonik und Satztechnik zu benutzen. Die frühen Orchesterwerke Balakirews zeigen eine starke Verwendung von Motivvariationen und eine Verarbeitung kurzer thematischer Phrasen, die einen mosaikartigen, sehr vielschichtigen Klang erzeugen, aber zu keiner großangelegten Architektur im beethovenschen Sinne führen können. Es wird oft, auch bei Opern wie Glinkas Ruslan und Ludmilla, der Begriff des Kaleidoskops bemüht, also eine Folge ständig wechselnder, sehr farbiger Bilder, deren Ziel es nicht sein kann, logische Zusammenhänge zu konstruieren, sondern in denen eine bunte Palette verschiedener Genrebilder zum Ziel der Darstellung erhoben wird. Daher ist man zunächst auf Scherzi und Ouvertüren fixiert; langsame Sätze vermeidet man, um jede Süßlichkeit auszuschließen. Daneben sind die musikalischen Themen dem Geist des Volkslieds entsprungen, daher aber zu einer motivischen Arbeit untauglich; sie werden lediglich vor stets wechselnden Hintergründen präsentiert.

Erst im Jahre 1865 hatte Rimski-Korsakow den Mut, die neue Tonsprache in eine viersätzige Sinfonie zu integrieren, ein Versuch, der vor allem im langsamen Satz, einem Liedthema, gelang, wiewohl die kompositorischen Fähigkeiten des Einundzwanzigjährigen noch unreif waren. Einen ähnlichen Versuch beendete Balakirew erst 1898 erfolgreich, und nur Borodin war es vorbehalten, zwei Sinfonien zu schaffen, die ganz aus dem Geist der neurussischen Schule entsprungen waren, wenn er dabei auch von seiner genauen Kenntnis der neueren westlichen Sinfoniker, allen voran Schumann, profitierte.

Einige weniger bedeutende Werke wie die Orchesterfantasien Dargomyschskis oder das knappe Oeuvre des früh verstorbenen Gussakowski waren zu belanglos, als daß sie die nationalrussische Musik hätten vorwärts treiben können. Das überraschende Erscheinen Tschaikowskis auf der Bildfläche gab dagegen Anlaß zu berechtigten Hoffnungen, daß nun eine kreative Phase in der Entwicklung einer eigenständigen Kunstmusik angebrochen wäre. Diese Erwartungen wurden jedoch nur teilweise erfüllt, da er sich zum einen als zu selbstkritisch erwies und vielversprechende Ansätze wie seine frühe Romeo und Julia-Ouvertüre aufgab, zum anderen als zu stark von Rubinstein und den prowestlichen Gegnern der nationalrussischen Idee abhängig zeigte, als daß er seinen Stil frei von den Äußerlichkeiten und Effekten, denen die Nationalisten längst abgeschworen hatten, hätte entwickeln können.Die erste wirkliche Blüte nationalrussischer Orchesterwerke ist in der Generation der Sinfonischen Dichtungen zu finden, wie sie Balakirews Tamara, Rimski-Korsakows Sadko und Antar oder Mussorgskis Nacht auf dem kahlen Berge darstellen. Hier können die Komponisten ihren Erfindungsreichtum an Melodien, Klangfarben und Harmonien mit der freien formalen Gestaltung einer offenen Satz bauweise verbinden und kommen somit zu den befriedigendsten Ergebnissen der noch jungen russischen Orchestermusik.