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Flamm, Christoph

Der russische Komponist Nikolaj Metner: Studien und Materialien

Ph.D. Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg 1995
(Erschienen im Verlag Ernst Kuhn, Berlin 1995, ISBN 3-928864-24-6)
(Ernst-Kuhn-Verlag@t-online.de)

Daß sich eine Metner-Forschung im eigentlichen Sinn noch nicht etablieren konnte, hat sicherlich auch an der schlechten Zugänglichkeit der Quellen gelegen. Die vorliegende Arbeit versteht sich deswegen als Grundlage, die künftige Studien ermöglichen oder zumindest erleichtern soll, indem sie zum einen eine große Masse von Materialien zur Verfügung stellt, zum anderen wesentliche Untersuchungsgegenstände umreißt; in vier Einzelstudien werden dabei Aspekte beleuchtet, die in der bisherigen Literatur über Metner keine oder wenig Aufmerksamkeit gefunden haben. Von großem Einfluß auf die musikalische und ästhetische Entwicklung Nikolaj Metners sind einige Personen gewesen, die in der Moskauer Kultur um 1900 zentrale Positionen einnahmen: Sergej Taneev, Emilij Metner und Andrej Belyj. Taneev verpflichtet Metner auf die Formmodelle Sonate und Fuge, Metners Bruder Emilij bestimmt für den jüngeren die deutsche Kultur (auf musikalischem Gebiet insbesondere Beethoven und Wagner) als Ausgangspunkt des eigenen Schaffens, und von Belyj scheint Metner seine spezifischen Vorstellungen von den transzendentalen, "theurgischen" Dimensionen der Kunst entlehnt zu haben.

Metners ästhetisches Denken spiegelt sich in konkreter Form in seinen Bewertungen anderer Komponisten; diese sind gekennzeichnet von scharfer Kritik am "Modernismus" (Strauss, Reger), einer eher zwiespältigen Beurteilung von Komponisten wie Skrjabin, Liszt, Musorgskij oder C*ajkovskij sowie der Vorbildfunktion, die in unterschiedlcher Weise u.a. Wagner, Chopin und Grieg für sein eigenes Schaffen hatten, was sich auch in kompositorischen Details spiegelt. In abstrahierter Form werden Metners musikästhetische und allgemein philosophische Gedanken zu Kunst und Künstlertum in seiner Schrift "Muza i moda" (Paris 1935) ausgebreitet. Die Grundlagen seiner Musikphilosophie entsprechen zum Teil der vorsokratischen Noetik, aber auch christliche Vorstellungen und insbesondere die idealistische Musikästhetik haben seine persönlichen Vorstellungen geprägt. Von diesen abstrakten Ideen leitet Metner (insbesondere auf harmonischer Ebene) kompositionstechnische Grundsätze ab, die den Konservatismus seiner nach der Emigration entstandenen Werke erklären helfen.

Der Einfluß literarischer Vorlagen auf Metners Vokal- und Instrumentalkompositionen ist eminent. Nicht nur in den Liedvertonungen, auch in zahlreichen mit literarischen Mottos, Untertiteln oder sonstigen Textierungen - die gelegentlich nur apokryph überliefert sind - versehenen Instrumentalwerken hat die Umsetzung außermusikalischer Inhalte erheblichen Einfluß auf die musikalische Gestalt der Kompositionen, und zwar fast niemals im Form von Tonmalerei, sondern nahezu ausschließlich als "psychologisches" Verlaufsmuster in Analogie zu den Entwicklungen des Textes. Formale Elemente werden zu Bedeutungsträgern im Dienste der Textinterpretation (z.B. bei den Liedern in Sonatenform).

Metners Sonaten (nicht nur für Klavier solo) nehmen eine zentrale Stelle in seinem Schaffen ein. In Anlehnung an Beethoven faßt Metner seit seinem Erstling op. 5 die Sonatenform als etwas grundsätzlich Individuelles, Unwiederholbares auf: Die strukturellen Zusammenhänge auf motivischer, thematischer oder zyklischer Ebene werden von ihm stets neu und anders gestaltet, wobei insbesondere die einsätzigen Lösungen in größerem Maßstab (op. 22, op. 25/2, op. 33) erstaunliche Schöpfungen sind, die bereits auf die Zeitgenossen nachhaltig gewirkt haben. Zumindest mit seinem Sonatenschaffen hat sich Metner in der Musikgeschichte einen Platz neben Skrjabin oder Prokof'ev erobert.

Der Materialienteil umfaßt: 1. mehrere bislang völlig unbekannte Schriftstücke und Interviews von Metner in Original und Übersetzung; 2. eine Sammlung nahezu sämtlicher russischer Rezensionen und Aufsätze aus den Jahren 1903 bis 1927, darunter hochinteressante Betrachtungen u.a. von Andrej Belyj, Julij Engel', Grigorij Prokof'ev, Vjac*eslav Karatygin, Ernest Pingoud, Leonid Sabaneev und Aleksandr Gol'denvejzer (jeweils in Original und Übersetzung); 3. ein Werkverzeichnis (220 Seiten), das neben den publizierten Kompositionen (mit und ohne Opuszahl) sämtliche unveröffentlichten und fragmentarischen Werke des Nachlasses im Moskauer Glinka-Museum sowie Entwürfe und Projekte verzeichnet und beschreibt: alle literarischen Vorlagen zu Liedern und Instrumentalwerken werden in Original und Übersetzung angegeben, die Entstehung der Kompositionen ausführlich rekonstruiert und durch Zitate belegt, Autographen und Skizzen detailliert aufgeführt; 4. ein Verzeichnis von 185 nachgewiesenen Konzertauftritten Nikolaj Metners von 1894 bis 1944 mit jeweiligem Programm und Angabe der Mitwirkenden; 5. eine Diskographie aller veröffentlichten und unveröffentlichten Eigenaufnahmen des Komponisten mit Datierungen und Plattennummern, ferner eine kommentierte Auswahl der wichtigsten historischen und neueren Aufnahmen anderer Interpreten; 6. eine Bibliographie der internationalen Literatur über Nikolaj Metner von 1903 bis 1994; 7. vierzehn Faksimileseiten von unveröffentlichten Werken oder Skizzen; 8. einen Stammbaum der Familie Metner.

Ein ausführlicher Index erschließt die erwähnten Personen und Kompositionen.