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Lehr, Hartwig

Musik für ... : Untersuchungen zum Werk Rudi Stephans

Ph.D. Hochschule für Musik und Darstellende Kunst, Frankfurt am Main, 1995
(erschienen im Verlag Ernst Kuhn, Berlin 1996 (ISBN 3-928864-47-5))
(Ernst-Kuhn-Verlag@t-online.de)

Der deutsche Komponist Rudi Stephan (1887-1915) schrieb sein Werk in einer Zeit des musikalischen Um- und Aufbruchs um 1910. Stephan sucht nach einem von den damals herrschenden musikalischen Zeitstilen unabhängigen Weg, was für ihn vor allem eine Auseinandersetzung mit dem überkommenen Gattungsbegriff und dem überlieferten Formenrepertoire bedeutete: Zwischen den Gattungen der Instrumentalmusik, dem Orchestergesang und der Oper ist aufgrund der Kompositionstechnik kaum noch zu unterscheiden, und die Formgestaltung einer jeden Komposition entwickelt sich allein aus der jeweiligen Werkidee heraus. Konsequent gibt Stephan allen Instrumentalwerken fast identische Titel, er bezeichnet sie als Musik für... und läßt dem nur noch die Instrumentalbesetzung folgen.

Ferruccio Busonis Ideen von der Einheit der Musik (1920) und von einer von architektonischen, akustischen und ästhetischen Dogmen befreiten Musik (1907/1916) liefern--mit geringer zeitlicher Verschiebung--eine theoretische Begründung von Stephans Musik, ohne daß er Busonis Texte gekannt hätte. Analog zur Analyse der untersten Text-Ebene (Julia Kristeva, J. M. Lotman, Michael M. Bachtin) von Stephans Musik für Orchester ist als unterste Text-Ebene der Oper Die ersten Menschen die Intervallik der vier Singstimmen untersucht: Unabhängig von Rhythmik und Metrik ist die Häufigkeit aller Intervalle je eines Gesangsparts festgestellt. Der Vergleich der Intervallstrukturen zeigt, daß Stephan bei den vier Personen die einzelnen Intervalle unterschiedlich häufig verwendet. Weitere Intervall-Ebenen ergeben sich bei den Themen der Personen und der Nennung der Personennamen. Die Überlagerung dieser Intervall-Ebenen zeigt eine deutlich differenzierte Gewichtung der einzelnen Intervalle bei jeder der vier Personen wie auch eine im Verlauf der Oper sich ändernde Gewichtung einzelner Intervalle, so daß die Personenkonstellation ihr Abbild in der Gegenüberstellung der vier Intervallstrukturen findet.

Parallel zu den Analysen der Instrumentalwerke und der Oper wird die Analysemethode reflektiert. Dabei wird die Anwendbarkeit von hermeneutischen Ansätzen der Literaturwissenschaft und von strukturalistischen Methoden auf die Analyse von Musikwerken erprobt. Die Gleichzeitigkeit von Theoriediskussion und musikalischer Praxis um 1910 wird--neben Busonis Theorie--auch an der Operntheorie O. J. Bierbaums (1904) und an Rudolf Louis' Gedanken über den Stand der deutschen Musik (1909) dargelegt.