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Pakusa, Peter

Jenseits der zwölf Töne: Untersuchungen an neuerer Vokalmusik unter besonderer Berücksichtigung von Vierteltonkompositionen
[On the Other Side of the Twelve Notes: Examinations of Recent Vocal Music Considering the Aspect of Quarter Tone Compositions]

Ph.D. Universität Hamburg, 1991
(pakusa@uke.uni-hamburg.de)

Mikrointervalle werden in der neueren Vokalmusik in vielfältiger Weise eingesetzt. Die Spannweite reicht von verschiedenen Kompositionstechniken mit Mikrointervallen über die Verbindung von Mikrointervallen mit neuen Vokaltechniken und den Einsatz in elektronischer Musik bis zur semantischen Funktion von Mikrointervallen. Unter den verschiedenen Mikrointervallarten ist die wichtigste und am meisten verwendete der sogenannte Viertelton; daneben gibt es nicht-distinkte Mikrointervalle, die häufig in experimentellen Vokalwerken vorkommen (Henze, El Cimarrón).

Einige Neuerungen bei der Verwendung der menschlichen Stimme in Kompositionen des 20. Jahrhunderts sind Sprechgesang, Sprach- und Lautkompositionen und die elektronische Musik. Diese neuen Techniken werden anhand ausgewählter Kompositionen erläutert. Einerseits sind die "Neuen Vokaltechniken" ein wichtiger Bestandteil der Kompositionen nach 1945, andererseits werden diese Techniken (Sprechgesang, elektronische Verfremdung von Sprech- und Singstimme), die oft Verfremdungsmittel des Gesangs darstellen, meist mit einem Verfremdungsmittel der Tonhöhe, den Mikrointervallen, kombiniert. Die Techniken sind außerdem Voraussetzung für die Entstehung bestimmter nicht-distinkter Mikrointervalle.

Die wichtigste Funktion von vokalen Mikrointervallen ist die semantische Funktion (Henze, El Cimarrón; Xenakis, Nuits). Daneben nehmen die Verfremdung (Xenakis, Nuits) und die Kolorierung (Boulez, Le visage nuptial; Henze, El Cimarrón) einen wichtigen Stellenwert ein. Im Gegensatz dazu sind in Instrumentalwerken andere Funktionsarten wichtiger (Verfremdungsfunktion, koloristische Funktion). Vokale Mikrointervalle werden in einigen Werken auch in bestimmte Kompositionsverfahren einbezogen. In Boulez Werk "Le visage nuptial" werden Mikrointervalle in der Reihentechnik verwendet. Es wird sogar erstmals ein Vierundzwanzigklang einbezogen. In Xenakis Stück "Nuits" wird der Aufbau im wesentlichen von Tonlängen- und Tonhöhenrelationen bestimmt. Die mikrointervallige Tonumkreisung ist ein zentraler thematischer Aspekt im Werk.

Die sonagraphische und die computergesteuerte Tonhöhenanalyse an vier Interpretationen von Boulez "Le visage nuptial" haben ergeben, daß vierteltönige Intervallstrukturen von den Interpreten kaum realisiert werden konnten. Es wurden Abweichungen von den notierten Tonhöhen bis zu 200 Cent gemessen. Wichtig scheint hier eine bessere und intensivere Einstudierung der Musik und der häufigere Umgang mit Mikrointervallen zu sein.


In recent vocal music microtone intervals are used in various ways. Uses cover different techniques of microtone composition, the combination of microtone intervals with new vocal techniques, electro-acoustic music, and semantic function of microtone intervals. Among the various kinds of microtone intervals the quarter tone is the most important one and is most frequently used. In addition there are non-distinct microtone intervals, which often occur in experimental vocal music (Henze, El Cimarrón).

Some of the innovations as regards the use of the human voice in compositions of the 20th century are Sprechgesang (speech-song), vocal and sound compositions as well as electro-acoustic music. These new techniques are explained using selected compositions. On the one hand the "new vocal techniques" are an important part of compositions after 1945, on the other hand these techniques (Sprechgesang, electro-acoustic defamiliarization of Sprechstimme ("speech voice") and singing) are combined with a defamiliarization of pitch, i.e. the microtone intervals. The techniques are also a prerequisite for the formation of certain non-distinct microtone intervals.

The most important function of vocal microtone intervals is the semantic function (Henze, El Cimarrón, Xenakis, Nuits). Besides, defamiliarization (Xenakis, Nuits) and colouring (Boulez, Le visage nuptial, Henze, El Cimarrón) play an important role. In instrumental works, however, other kinds of functions (defamiliarization, colouring) are more important. Vocal microtone intervals are integrated in some compositions in particular methods of composition. In Le visage nuptial Boulez uses series of microtone intervals. Here, a 24th-tone is included for the first time. In Xenakis's Nuits the structure is basically determined by the relation between tone length and pitch. Approximating a tone (pitch) by micro-intervals is a central thematic aspect of the composition.

The sonagraphic and the computer-based analysis of pitch in four renderings of Boulez's Le visage nuptial has shown that quarter-tone structures can hardly be realized by the performers. The measured deviations from the notated pitch reached up to 200 cent. It is obviously important to study this kind of music more thoroughly and intensively, and to work more frequently with microtone intervals.

(Translation: Dr. Hansjörg Bittner)