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Schmitt Scheubel, Robert

Johann Ludwig Dussek im Spiegel der deutschen, französischen und englischen Tagespresse seiner Zeit, nebst Verzeichnis seiner in Berliner Bibliotheken befindlichen Werke, der auffindbaren Autographen, Handschriften und Schallaufnahmen

Dissertation Technische Universität Berlin 1994 (erscheint voraussichtlich 1997)
(hugoGbfd@sp.zrz.tu-berlin.de)

Eine Arbeit, die durch aufgeführte Rezeptionszeugnisse das Verschwinden eines Komponisten aus dem Bewußtsein zu zeigen gewillt ist, setzt sich der Gefahr aus eine unglückliche Teilung zu tradieren, die in den Zeugnissen partiell vorhanden ist, um durch Analyse der Werke die Diskrepanz zwischen Werk, Wirkung und Rezeption zeigen zu können. Die Differenzen in der Konzeption einer Musikgeschichte spiegeln sich in den Zugangsweisen zu einem Werk und bedingen eine konzeptionelle Aussage, deren implizites Werturteil durch die Analyse bekräftigt wird. Und das Erstaunen über die "Qualität" der analysierten Werke führt bei der zu konstatierenden mangelhaften Rezeption nicht auf die Differenzen der eigenen Zugangsweise zurück, sondern verfällt in den Tonfall der Larmoyanz um noch zu retten was zu retten ist. Die Überwindung der Larmoyanz mit gleicher Zugangsweise gelingt nicht, wohl aber gelingt das Aufzeigen der diesem Tonfall eigenen Prämissen, die im ersten Teil diskutiert werden, ohne daß eine starke These, die bei dieser Ausgangslage immer schon im Verdacht des Übertreibens steht, genannt zu werden braucht. Das Fehlen aber erscheint als Riß und die Konsequenz einer Überbrückung wäre eine Ideologisierung des historischen Bewußtseins.

Möglich ist heute, Teilaspekte herauszugreifen und an den Werken zu erproben, nicht aber nach Allem zu greifen und Nichts zu liefern -- den Vorwurf des Fehlens aber zeitigt die Falschheit des Eigenen. Sind die Fragmente die Geschichte, die gezeigt wird, ist der notwendige Modus des Interpretierens -- des Dazwischen-Seins -- als einziger Umgang mit ihr noch dem Subjekt möglich, welches erkennen will, der Abweisung eines zustimmungserheischenden Telos verpflichtet, das selbst schon am Verschwinden ist, im Untergang aber einer unterschwelligen Ideologie des Verdrängten aufhilft, um eine Position zu erreichen mit der Wissenschaft als positives, festes treibbar ist; und die Brüche, die es auszuhalten gilt, negieren, aufheben oder überbrücken möchte; Zeigen wird nicht Ersatz fürs Kritisieren, es ist es, in Ausgeglichenheit. Die Akzeptanz einer, immer in finaler Absicht unternommenen, Konstruktion eines historischen Zusammenhangs würde bedeuten, in die Fänge der Teleologie zu geraten, selbst wenn ihr Verlust beschrieben werden sollte; weder die Befreiung der Werke von ihrem Schöpfer, noch der Prozeß des Vergessens kann den Bezugsrahmen verlassen. Die Problematik, die eine Biographie mit sich bringt und von Carl Dahlhaus in Beethoven und seine Zeit exemplarisch gezeigt wurde, kann und braucht nicht wiederholt zu werden. Die Zugangsweise ist entsprechend eine andere, wie auch die gefundene Ablehnung. Und da trotzdem Biographien geschrieben werden und das Interesse am trivialen Leben der Meister ungebrochen ist, wird, weniger als Widerspruch denn als mittlerer Ausgleich, die einzig verbleibende Verbindung zwischen Lebensdaten und Werk, die möglich scheint, über das Autograph der Sonate Elegie harmonique versucht. Die Zeittafel berücksichtigt Ereignisse, von denen angenommen werden kann, daß sie teilsweise Einflüsse auf Dusseks Lebensweg genommen haben. Der Nachweis allerdings ist kaum zu führen.

Nicht nur Parkes Musical Memoirs glänzen durch mangelnde Hinweise oder fehlerhafte Angaben -- wer aber möchte ihm das ankreiden -- auch die hier nicht aufgeführte und behandelte Literatur über die französischen Flüchtlinge in England nach der französischen Revolution birgt keinerlei Hinweise, die auf eine Verbindung zu den Exilanten schließen ließe, so daß Beziehungen und Treffen angenommen, nicht aber bewiesen werden können. Wird Leichtigkeit nicht mit Seichtheit verwechselt und das prinzipielle laisser-faire nicht als Nachlässigkeit, ist eine Betrachtung der Lebensform möglich, die nicht das übliche Erklärungschema benutzt. Der Böhme als Bohemien interpretiert die Freudlosigkeit des Alltags, über die hinweggegangen werden kann und zeigt die teils sehr schlichte Funktion der Werke, wie ebenso die, wenn es sie gegeben hat und daran ist kaum zu zweifeln und ihre Entsprechung gefundene, erfüllte Zeit. Das Vergessen ist eine undankbare Kategorie und der viele Artikel durcheilende Satz, manchmal auch als Titel, A forgotten Composer, in deutscher oder englischer Sprache, ist kaum in seiner Substanz zu fassen.

Um die Funktion des Begriffs und seinen Zweck zeigen zu können, wird auf Deutungsmuster zurückgegriffen, die hinreichende Ausschlußmöglichkeiten zulassen. Die Aufklärung sui generis, das Bürgertum, die Idee des Nationalen, verfügen über solche und befördern ein Vergessen jener, die nicht eingeschlossen werden können. Die Werke brauchen für das Vergessen an sich nicht herangezogen werden, würden sie es, würde dem Topos, daß das Gute sich immer durchsetze, zugestimmt, der nichts andereres als Konsequenz bestimmten Denkens ist: daß Ausgeschlossenes ausgeschlossen bleibt.

Liegen die Werke als Text vor und nicht als Texte, ist die Reflexion zu einer Annäherung ans Individuelle dem Konnex verpflichtet, der zwischen Werk und Interpretation immer schon vermitteln wollte, um das Eigentliche des Kunstwerkes in der Deutung desselben zu zeigen. Immer differenziertere Analysen (Dahlhaus) bedingen, wie das Aufzeigen von Sinnkategorien, Deutungsmuster, zu deren Zustimmung oder Ablehnung aber niemand, nicht einmal durch plausible Gründe, gezwungen werden kann. Die Konsequenzen, die eine Einlassung mit sich bringen, werden in diesem Kapitel gezeigt. Es sind jene Konsequenzen, die, ausgehend von den Kapiteln A forgotten Composer und Der Böhme als Bohemien nun direkt mit historisch beglaubigten Mitteln und Instrumenten, die Werke Dusseks unter jenen angezogenen Prämissen der Rechtmäßigkeit des Vergessens zeihen.

Daß dem nicht so sein muß, und daß das Umgehen des Exzeptionellen nicht gleichbedeutend ist mit der Akzeptanz des Mittelmaßes, sollen die Voraussetzungen eines Zugangs als erster Teil in ihrer Gesamtheit zeigen, ohne den Ehrgeiz, die Gründe und Modi des Nichts revidieren zu wollen; es sei denn, die Intention selbst würde preisgegeben. Letzlich ist nicht die Verteidigung des Helden meiner Dissertation und die Errettung aus der Vergessenheit Ziel dieser Arbeit; es soll an Dussek erinnert und gezeigt werden, daß das, was bislang zusammengereimt wurde, nicht unbedingt dem entsprechen muß wie es vernünftigerweise gewesen sein könnte. Die Apologien seiner Interpreten, nicht nur der neueren Zeit, zeigen in ihrem Bestreben, ihn zu retten, als Kehrseite nur seine Nichtigkeit als Vorläufer und Wegbahner Anderer, oder erachten gerade die transitorische Funktion als die seinen Werken angemessene. Nicht eine neuerliche Apologie, oder Fortsetzung des Topos des Vergessenen, sondern die Vernichtung der Vergessenheit (Nietzsche) wäre, wenn es erforderlich sein wird, als Ziel zu benennen.